In Vorbereitung: DOM History

Der Hamburger DOM ist ein echtes Stück Hamburg. Er vereinigt Tradition und Moderne, Weltoffenheit und Lokalkolorit. Mit seinem weithin sichtbaren Riesenrad zwischen Michel und Millerntor gehört der Vergnügungspark auf dem Heiligengeistfeld fest zum Stadtbild. Außerdem ist der dreimal jährlich stattfindende DOM ein äußerst wichtiger Wirtschaftsfaktor. Umso erstaunlicher ist, wie wenig erforscht und bekannt die DOM-Geschichte ist. Dies zu ändern, ist das Ziel des Projekts "DOM History".

  • ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt
  • geplanter Projektzeitraum: 05/2019-12/2020
  • geplante Ergebnisse: Website, Online-Artikelserie, Podcast, Wanderausstellung
  • Projektpartner: Verein zur Förderung der Volksfeste und Jahrmärkte in Hamburg e.V., Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg (Referat Volksfeste, Sonderveranstaltungen und bezirkliche Märkte), DOM-Promotion und Veranstaltungs GmbH, Arbeitsbereich Public History der Universität Hamburg, St.-Pauli-Archiv e.V.

Der Hamburger DOM ist mehr als bloß Vergnügen. Er ist sozialer Freiraum, Handelsplatz und Stadtmarke. Im 20. Jahrhundert, als die Stadt Hamburg ihre historisch verbürgte Sonderstellung ideell zu behaupten suchte, avancierte der DOM zum Symbol für die kaufmännische Tradition und Weltoffenheit Hamburgs. Den Hamburger DOM als dieses konstitutive Moment der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Geschichte Hamburgs zu begreifen – darum geht es dem Projekt „DOM History“. Es zeigt, wie Hamburg den DOM historisch nutzte und brauchte, um sozialen Frieden zu erhalten und hamburgische Identitäten auszubilden – nicht obwohl, sondern gerade weil der DOM oft auch Konfliktzone war.

 

Tatsächlich ist die Geschichte des DOM, insbesondere seine Zeitgeschichte, praktisch unerforscht. Freilich weiß man, dass der ungewöhnliche Name des Volksfests zurückgeht auf Ursprünge im alten Kirchbau St. Mariendom. Im und um den Mariendom herum veranstalteten Händler seit dem 11. Jahrhundert zur Adventszeit regelmäßig einen Markt. So entstand das Volksfest „Weihnachtsdom“.

 

Infolge des Reichsdeputationshauptschlusses wurde der Mariendom 1804 abgerissen. Daraufhin verstreuten sich die Händler und Schausteller aus dem Dom auf die umliegenden Plätze. Im Jahr 1892 erkundete die Stadt Hamburg einen neuen festen Ort, an dem die Schausteller künftig ihre Geschäfte anbieten sollten: das Heiligengeistfeld. Dort hat sich der DOM seither institutionalisiert. Frühjahrs- und Sommerdom kamen im Verlauf des 20. Jahrhunderts zum traditionellen Weihnachtsdom (dem heutigen Winterdom) hinzu. Doch mehr als diese Eckdaten sind über die DOM-Geschichte nicht bekannt. Hier setzt das Projekt "DOM History" an.

Das Projekt verfolgt einen strukturellen Ansatz und untersucht das Werden und Wirken des DOM vor dem Hintergrund von Hamburgs Weg zur modernen Großstadt. Dieser Prozess von Verstädterung und Internationalisierung war aufs Engste mit dem DOM verflochten: Der Hamburger DOM verstetigte und verdichtete sich auf dem Heiligengeistfeld zu einer Zeit, als auch die Stadt Hamburg diese Entwicklung antrat. Für andere Metropolen ist dieser Zusammenhang zwischen Urbanisierung und neuer öffentlicher Vergnügungskultur bereits gut erforscht – nicht so für Hamburg. Deshalb lenkt das Projekt "DOM History" hierauf den Fokus. So reicht seine Untersuchungsspanne vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Auch die für diese Zeit besonders gute Quellenlage und die Möglichkeit, Zeitzeugen aktiv einzubeziehen, spricht für das sogenannte "lange 20. Jahrhundert".


Das Projekt untersucht den DOM 1. als Sozialraum , 2. als politische Bühne, 3. als Wirtschaftsstandort. Damit geht es der historisch gewachsenen integrativen Bedeutung des Vergnügungsortes für Hamburg nach. Kaspar Maase folgend, lautet die Grundannahme: "Massenkultur ist kein folgenloses Spiel in einer sozialen Nische ohne weitere Auswirkungen" – sondern sie hat Effekte.

So sind die Fragen des Projekts: Wie wandelte sich das Vergnügen auf dem DOM im Verlauf der letzten 125 Jahre angesichts von sich ändernden Vorstellungen von Arbeit und Freizeit, Sittlichkeit und Geschlecht, von Hoch- und Populärkultur? Welche wechselnden Bedürfnisse befriedigte der DOM zwischen blühender Belle Époque und Weimarer Inflation, zwischen Mangel und Wiederaufbau nach 1945 und schließlich in der postmodernen "Spaßgesellschaft"?

 

Wann führte die Kontaktzone DOM zu sozialer Inklusion, wann zu Distinktion? Wie bedienten sich Mitglieder verschiedener sozialer Schichten und Gruppen der Projektionsfläche DOM, um ihre Botschaften zu kommunizieren und Identitäten zur Schau zu stellen? Und wie wirkten sich Rezession und Prosperität, wie Krieg und Frieden auf den DOM aus? Ließ sich der DOM beispielsweise in den Dienst des Krieges stellen, einerseits im Zeichen des ‚Burgfriedens‘ 1914, andererseits im Zeichen des ‚Totalen Krieges‘ 1943, und wenn ja, was bedeutete das für ein verändertes Hamburger Stadtleben? War der DOM Vehikel der nationalsozialistischen ‚Gleichschaltung‘ oder bot er Verfolgten Möglichkeit unterzutauchen sowie nationalsozialistischen Zwängen zu entkommen – oder fand gar beides statt?


Eingebettet werden die Leitfragen in eine Diskussion der Themen "Vergnügen" und "Stadt": Was fasziniert eigentlich an Volksfesten wie dem DOM? Warum braucht der Mensch Vergnügen? Welche Kompensation leistet Vergnügen in individuellen und gesellschaftlichen Krisen? Und in welcher Hinsicht ist die Stadt – als Gegensatz zum Land – dafür ein besonderer Raum? Bezieht sich das alte Wort "Stadtluft macht frei" nicht gerade auch auf Vergnügen, macht also städtisches Vergnügen in besonderem Maße "frei" von sozialen Zwängen und Schranken?

Publikationen:

  • Früher hieß es Sommerdom. Die Gründung des Hamburger Sommerdoms, in: hamburg.de/Hamburger Dom, online verfügbar.
  • zusammen mit Sigrun Lehnert: Der Winterdom 1950. Winterdom in der Kino-Wochenschau, in: hamburg.de/Hamburger Dom, online verfügbar.

Vorträge:

  • "Wir essen keine republikanische Arbeiterwurst!" Besucher des Hamburger Doms, Vortrag auf der Tagung „Öffentlich, populär, egalitär? Soziale Fragen des städtischen Vergnügens 1890-1960 am 10.2.2017 an der Universität Hamburg, online verfügbar.

Medienauftritte:

  • Sabine Engel: Beitrag über Forschungen zum Sommerdom im "Hamburg Journal", NDR-Fernsehen, 9.8.2017.
  • Marc Hasse: Der Dom - Spiegel der Hamburger Geschichte, in: Hamburger Abendblatt, 8.2.2017, online verfügbar.
  • Ursula Storost: Städtisches Vergnügen, Deutschlandfunk, 16.02.2017.

Bildnachweise: Sammlung Günter Zint, DOM Promotion GmbH.